Teilnehmende Beobachtung

art: Datenerhebungsmethode (qualitativ)

Ziel der Methode

Das Ziel ist die Analyse des Mobilitätsverhaltens und der subjektiven Wahrnehmung auf den alltäglichen Wegen der Bevölkerung. Mithilfe der teilnehmenden Beobachtung werden Konflikte (und -potenziale), Bewältigungsstrategien und weitere Einflussfaktoren auf die subjektiv wahrgenommene Qualität des Verkehrssystems erfasst. Durch das anschließende Interview werden beobachtete Konflikte thematisiert und die Qualität des Weges aus Sicht der Nutzer*innen (Zugänglichkeit des Verkehrsnetzes, Sicherheit etc.) bewertet und Lösungsvorschläge erfragt. Das Video-, Audio- und Kartenmaterial können für die Visualisierung von Problemlagen gegenüber Verwaltung und Politik genutzt werden.

Zielgruppe

Jede Person aus dem Untersuchungsgebiet eignet sich für die Methode. Auf Diversität der Teilnehmenden ist in Bezug auf Alter, Geschlecht, körperliche Einschränkung und Verkehrsmittelwahl zu achten. Denn ein Schulkind nimmt den Weg ganz anders wahr als seine Eltern oder sucht sich andere Wege. Es können auch Personengruppen mit Mobilitätseinschränkungen zur Teilnahme ausgewählt werden, um ihre spezifischen Bedarfe zu erfassen. Zur Förderung der Nutzung des Umweltverbunds sollen vor allem die Wahrnehmungen von Zufußgehenden, Radfahrenden und ÖPNV-Nutzenden erfasst werden, da sie auf derselben Strecke durch unterschiedliche Rollen und Perspektiven als Verkehrsteilnehmende Faktoren der Mobilität unterschiedlich bewerten.

Vorgehensweise

  1. Festlegung der Strecken und Verkehrsmittelwahl durch Teilnehmende. Ein Termin oder auch mehrere Termine werden vereinbart.
  2. Anfertigung einer Karte und eines vorstrukturierten Beobachtungsprotokolls.
  3. Erstellung eines Fragebogens zur leitfadengestützten Erfassung der Mobilitätssituation und der Einflüsse auf verkehrsrelevante Entscheidungen.
  4. Fahrt- oder Wegaufzeichnung mit einer Kamera (am Helm, Lenkerstange oder vor der Brust).
  5. Aufzeichnung eines Kurzinterviews auf Basis des Fragebogens.
  6. Auswertung und Kategorisierung der Daten: Was wurde über die Infrastruktur festgestellt? Was über die Verkehrssituation? Welche Verbesserungsvorschläge gibt es? Wieso nimmt die teilnehmende Person den Weg?
  7. Optional: Auswertung der Daten mit einer Daten- und Textanalysesoftware für eine bessere Aufbereitung und Kategorisierung der Daten.

Eine ausführliche Beschreibung zum Vorgehen finden sie im Handlungsleitfaden.

Zu beachten

  • Eigene Perspektiven und Sichtweisen sollen nicht in die Beobachtung und deren Analyse einfließen. Allerdings können im Interview gemeinsam Eindrücke von der Fahrt bzw. dem Weg reflektiert werden.
  • Die multiple Aufnahmefähigkeit bei Beobachtungen ist beschränkt, jedoch können Videoaufzeichnungen diesem Punkt entgegengenwirken.
  • Teilnehmende Beobachtungen sollten zu unterschiedlichen Tageszeiten durchgeführt werden, um Stoßzeiten sowie Zeiten mit weniger Verkehr beobachten zu können.

Akquise der Teilnehmenden

  • Pressemitteilung
  • Aufruf über lokale Kommunikationskanäle (Zeitungen und Social Media)
  • Ansprache von Bürger*innenvereinen
  • Plakate an öffentlichen Stätten
  • Gezielte Ansprache von Schulen, Unternehmen, den Behindertenbeauftragten, Seniorenbeauftragten etc.

Einblicke in die Praxis

Beobachtungsmerkmale

Beobachtungsprotokoll

Abb6
Das Beobachtungsprotokoll hilft bei der strukturierten Erfassung unterschiedlicher Verkehrssituationen nach der gemeinsamen Fahrt.

Kartenausschnitt

Dargestellt ist ein Kartenausschnitt aus einer teilnehmenden Beobachtung. Gekennzeichnet sind die während der teilnehmenden Beobachtung zurückgelegten Wege differenziert nach Verkehrsmittel. Diese Karte war die Grundlage für die anschließende Reflexion des Weges durch die begleiteten Personen.
Für die bessere Nachvollziehbarkeit und Reflexion der Fahrt sowie diskutierter Verkehrssituationen zeichnen die Proband*innen ihren Weg auf einer Karte nach.

Interviewfragen

Für das leitfadengeführte Interview nach der Fahrt können die folgenden Fragen verwendet werden:

 

Warum wurde der Weg gewählt?

 

Was war positiv und negativ auf dem Weg?

  1. Infrastruktur (betrieblich/baulich/Netzlücken)
  2. Interaktionen
  3. Verkehrsfluss
  4. Komfort
  5. Soziales
  6. Umgebung
  7. Lärm/Luft
  8. zeitliche Verfügbarkeit (ÖPNV, abends)

Allgemein:

  • Beeinflusst der Weg die Nutzungshäufigkeit der Infrastruktur, also des Ziels, das wir gerade angefahren haben / zu dem wir hingegangen sind?
  • Weichen Sie manchmal von Ihren alltäglichen Wegen ab und was sind die Gründe dafür?
  • Wie weit würden Sie maximal mit dem von Ihnen gewählten Verkehrsmittel fahren?
  • Warum nehmen Sie dieses Verkehrsmittel auf dem von Ihnen gewählten Weg?
  • Gibt es alternative Verkehrsmittel zu dem jetzt gewählten, mit denen Sie den Weg zurücklegen? Wieso nicht das Auto / das Fahrrad / der ÖPNV / zu Fuß?

Am Ende des Interviews:

  • War etwas anders als sonst?
  • Welche Erfahrungen aus der Vergangenheit möchten Sie berichten?
  • Ist der Weg ein positives oder negatives Beispiel in der Region?
  • Haben Sie Verbesserungsvorschläge für den Weg / Anregungen?

Weiterführende Literatur

Atteslander, P. (1975)
Methoden der empirischen Sozialforschung, Vierte Auflage, Sammlung Göschen de Gruyter, Berlin.

 

Laatz, W. (1993)
Empirische Methoden: Ein Lehrbuch für Sozialwissenschaftler, Verlag Harri Deutsch.

 

Mayntz, R., Holm, K., Hübner, P. (1972)
Einführung in die Methoden der empirischen Soziologie, Dritte Auflage, Westdeutscher Verlag, Opladen.

 

Rosenthal, G. (2015)
Interpretative Sozialforschung. Eine Einführung. 5. Auflage. Beltz-Juventa Verlag, Weinheim und Basel.

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